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Fett werden geschichte

Marina hatte noch nie viel von Diäten gehalten, doch sie machte sich auch nichts vor: Sie mochte es zu essen und das war auch der einzige Grund, dass sie etwas übergewichtig war. Nicht die Supermärkte, nicht das angeblich so harte Leben, die Werbung oder ihre schreckliche Familie waren die Ursache dafür, nein, es war ihre Begeisterung für alles, was man mit Käse überbacken konnte. Am Ende des Tages musste man die Sache mit Humor nehmen und konnte die Verantwortung nicht auf andere abschieben.

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Über

Übergewicht und Fettsucht haben Mediziner zu allen Zeiten beschäftigt. Welche Erklärungen sie im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit für das überschüssige Körperfett fanden und wie ihre Behandlung aussah, das hat der Würzburger Medizinhistoriker Professor Michael Stolberg untersucht. Timaeus von Güldenklees Patient hatte ein ernstes Problem: Der Jährige war so dick, dass er ohne Hilfe nicht mehr auf sein Pferd steigen konnte. Einem Buchhändler ging es ähnlich: Wegen seines Übergewichts war er nicht mehr in der Lage Treppen zu steigen.

Name: Shirley
Alter: 25

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Fast jeder Bewohner der Südseeinsel Samoa ist unfassbar dick. Frauen wie Männer, inzwischen auch Kinder. Der drahtige Wissenschaftler Stephen McGarvey will das Problem lösen. Hähne, schwarz wie die Nacht, schreien in den Regenwald.

Umschlossen von Dunkelheit, um fünf Uhr am Morgen, öffnet Galuega Avau die Augen. Die Matratze, die er sich mit seiner Frau teilt, liegt feucht am Boden neben dem Fenster. Es hat geregnet in der Nacht, über Stunden prasselten die Tropfen auf das Wellblechdach. Auf dem Bett türmt sich die Frau des Bauern wie ein Wal an der Meeresoberfläche.

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Galuega sieht mager aus neben ihr. Er steht auf, streckt sich, schaut zurück. Germaima keucht und zieht sich die Decke über den Kopf. Sie wird einige Stunden später den Tag beginnen, in dem kleinen Verschlag neben der Küche duschen, sich ein Handtuch um ihren schweren Körper und eins um die langen, nassen Haare schlingen. Sie wird ihrem Mann ein Frühstück aus Toast, Eiern und Obstsalat zubereiten, es ihm an den kleinen Tisch vor seinem Lieblingssessel bringen und selber bunte Froot Loops essen, in Blau und Grün und Rot eingefärbte Getreideringe mit Fruchtaroma.

Der zweigeteilte archipel

Galuega wird sie ansehen, mit den Händen auf seinen Bauch trommeln und sie ermahnen. Galuega Avau ist 57 Jahre alt und jeden Morgen der Erste seiner Familie, der den Tag beginnt. Neben ihm und Germaima leben noch die längst erwachsenen Kinder Ross, 28, und Roselyn, 26, in dem einfachen Betonbau. Galuega braucht vier Schritte vom Bett bis zur grün lackierten Zimmertür, von dort sechs in die kleine Küche.

Das Wohnzimmer liegt dazwischen. Ein leerer Raum mit einem Flachbildfernseher an der einzigen freien Wand, ringsum reihen sich Plastikstühle und ein Matratzenlager. Galuega legt sich seinen Lavalava um, ein orangefarbenes Wickeltuch, das er elegant um die Hüften und über seine Unterhose knotet, und geht hinaus in die noch anhaltende Finsternis.

Sein karamellfarbener Oberkörper bleibt nackt, beide Enden seiner traditionellen Tätowierung, vom Bauchnabel bis zum Knie, schauen hervor. Den schroffen Pfad hinab ins Dorf, am Hafen entlang, zurück durch das Nachbardorf, den Berg empor. Überall die Hähne. Galuega ist einer der letzten normalgewichtigen Einwohner von Amerikanisch-Samoa.

Rund Daran hat sich seitdem nichts geändert. Samoa ist eine Inselgruppe im südlichen Pazifik, auf halber Strecke zwischen Hawaii und Neuseeland. Im späten Jahrhundert wurde der Archipel zweigeteilt, eine Hälfte, die westliche, ging an Deutschland und ist inzwischen unabhängig, die östliche übernahmen die Vereinigten Staaten. Tutuila, die Hauptinsel, ist das Zuhause von Galuega und seiner Familie.

Immer an der Küste entlang. Die Hauptstadt Pago Pago hat ihre Bezeichnung nicht verdient.

Einer der letzten normalgewichtigen

Sie liegt als ein Haufen Dörfer an der Verkehrsader. Ihr Tiefseehafen, der sich weit ins Inselinnere zieht, war ein Grund für das Interesse der Amerikaner an Samoa und wurde im Zweiten Weltkrieg zu einem wichtigen Stützpunkt der US-Marine im Pazifik. Galuega nennt sie Palagis und kichert jedes Mal, wenn er das Wort sagt. Angeblich, erklärt er, habe im Jahrhundert der König von Samoa das Wort verwundert ausgesprochen, als er die ersten Europäer an seinem Strand fand.

Es gibt nahezu keinen Tourismus in Amerikanisch-Samoa, obwohl die Inseln paradiesisch schön sind. Niemand scheint daran interessiert, um Touristen zu werben oder an ihnen Geld zu verdienen. Galuega findet das einerseits schade, denn er mag fremde Menschen, andererseits freut er sich darüber, denn seine Heimat verändert sich ohnehin viel zu schnell.

Vor ihm ragen seine Kokosnuss-Palmen in den Himmel.

Mit Glück für zwei Dollar das Stück. Ich will eine starke Familie.

Er ist stolz auf seinen Hang voller Nutzpflanzen, seine Kinder und seine Figur. Wie geht es dir? Er hat sich ihren Namen vor einigen Jahren gemerkt. Tutuila ist so etwas wie seine Arbeitsheimat.

Die universität in den sozialen medien

Seit mehr als 30 Jahren reist der Wissenschaftler ein- bis zweimal pro Jahr an, um das Geheimnis der nationalen Fettleibigkeit zu erforschen. McGarvey, Anthropologe und Epidemiologe an der renommierten Brown-Universität im US-Gliedstaat Rhode Island, hat als einer der Ersten erkannt, dass die Menschen auf Samoa ungewöhnlich viel zunehmen, und als Einziger über Jahrzehnte nicht aufgehört zu fragen, warum das so ist.

Und er hat versucht, das zu verhindern. Seine blauen Augen scheinen immer wach. Jeder kennt ihn hier. Er hat selbst in den abgelegenen Dörfern Samoaner auf Diabetes und Bluthochdruck getestet und im Notfall sofort ins Krankenhaus gebracht. Er hat sich Hunderte Namen gemerkt.

Besucht er Amerikanisch-Samoa, bedeutet das vor allem ununterbrochene Kommunikation. Eine der vielen Formen der Respektsbekundung in Samoa ist die Unterhaltung. Für McGarvey, der gern ruhig und zurückgezogen lebt, eine Tortur, der er sich dennoch immer wieder stellt. Nach dem Frühstück läuft McGarvey zum Meer. Er stellt sich an die schroffe Lavaküste, im Rücken das abgelegene Hotel, und schaut still, wie die Sonne aufgeht. Er ist seit einigen Tagen in Amerikanisch-Samoa, und heute wird er eine wichtige Rede halten.

Einen Vortrag, der einen Meilenstein seiner Karriere markiert. Am liebsten würde er bis dahin gar nichts mehr sagen. Er hat lange an seiner Präsentation gefeilt, die Anspannung zeichnet sich in seinem sehnigen Körper ab.

Vor ihm klatscht das Meer gegen die schwarzen Steine, spritzt hoch empor, fast, als wolle es ebenfalls mit ihm sprechen. Er kneift ein wenig die Augenbrauen zusammen, blickt lange auf den inzwischen goldlilarot gefärbten Himmel und das tiefblaue Meer. McGarvey sucht in Amerikanisch-Samoa eine Formel gegen das Verfetten. Denn hier geschieht mit rasender Geschwindigkeit, was auf der ganzen Welt zu einem erheblichen Problem geworden ist: Alle werden immer dicker.

Wer auf der Route 1 fährt, ist selten schneller als 40 Kilometer pro Stunde, auf der einen Seite liegt immer das Meer, auf der anderen der Regenwald.

Hinweis zum datenschutz

Dazu klapprige alte Busse, die alle von ihren Besitzern bunt bemalt wurden. Viele Samoaner wollen so sein wie die Menschen in den USA. Die Vereinigten Staaten stehen für Fortschritt und Coolness, für Technologie und Freiheit. Das Problem: Auf den samoanischen Inseln wird amerikanisches Essen mit amerikanischem Lebensstil gleichgesetzt. Ein importierter Lebensstil, der nahezu täglich mit Flugzeugen auf den Inseln landet.

Eine Invasion. Als McGarvey zum ersten Mal die Insel besuchte, wurde ihm in einem der Dörfer ein halbes Kilo Spaghetti mit Tomatensauce aufgetischt — kalt, noch in der Dose. Fremde Nahrung für den Fremden. Ein respektvoller Akt, eine Ausnahme. Die Einheimischen ernährten sich vorwiegend von frisch gefangenem Fisch, Kokosnüssen und dem Obst und Gemüse, das sie selber anbauten.

Blogbeiträge terence horn

Nach und nach verfielen sie dann der amerikanischen Nahrung, den Fertiggerichten und dem Fast Food. Es hat sich allerdings nie ein Bewusstsein für die Gefahren dieser Ernährungsweise entwickelt.

Seine Studien aus Indien und Afrika zeigen, ähnlich denen aus Samoa, wie die Globalisierung die Menschen überall auf der Welt verfetten lässt. Ehemals gesunde Nationen, manchmal sogar hungernde, werden mit der Ankunft der westlichen Zivilisation in ihren Breitengraden innerhalb weniger Jahrzehnte dick. Fettleibigkeit ist eine neue Todesursache. Inzwischen sterben auf der Welt mehr Menschen an Übergewicht als an Untergewicht, ein Drittel der Weltbevölkerung gilt heute als fettleibig. Künstlich verarbeitete Lebensmittel, Arbeitsplätze in Büros und vor Computern sowie moderne Transportmöglichkeiten machen die Menschen fett.

Noch immer gilt dies als die weltweit erfolgreichste Filialeröffnung der Firmengeschichte. Im Jahr verkaufte die Filiale in Tafuna von über Davon zeugt noch immer ein gerahmtes Dokument an der Wand neben den Kassen.